Rennradfahrer neben blühendem Baum im Vésubie Tal

Reisebericht vom open training im März 2019

März. Die Lust, draussen Rennrad zu fahren steigt. Und zwar draussen fahren ohne fünf Zwiebelschichten. Draussen fahren mit der Leichtigkeit, welche den Spass auf dem Rennrad ausmacht. Dynamisch, den Fahrtwind an den Armen spürend, mehrere Stunden am Stück, an der Sonne. Die Côte d‘Azur ruft. Das «open training» soll die Entzugserscheinungen stillen. Open training, das bedeutet, Rennrad fahren ohne viel Brimborium. Der gemeinsame Nenner sind einige Trainingsstunden pro Tag in der Gruppe, von 10 Uhr morgens bis ca 16 – 17 Uhr. Treffpunkt für die Touren ist der Marktplatz von Vence. Und hier enden die Touren üblicherweise auch, bei einem Abschlusskaffee oder -bier.
Daneben herrscht viel Selbstorganisation. Die Unterkünfte reichen vom Wohnmobil über Ferienhäuser bis zum Hotel. Am Abend wird gekocht, andere treffen sich zum Abendessen in Vence.

Col de Vence, 63km, 1300hm

Was für ein Frühlingstag. Einige von uns haben sich den Luxus einer Anreise am Vorabend gegönnt. Der Morgenblick nach draussen offenbart das, was wir uns erhofft haben. Sonne, T-Shirt Wetter, Urlaub. Da heute Anreisetag ist, starten wir erst um 14 Uhr. Bis dahin ist noch reichlich Zeit, auf dem Markt in Vence ein paar kalorienhaltige Spezialitäten der Côte d‘Azur zu kaufen und im Supermarkt Vorräte für die Woche anzulegen. Das schrittweise Eintreffen der Teilnehmer geniessen wir entspannt an den Pools unserer beiden gemieteten Villen. Der Alltag ist gerade weit, weit weg und das Abhängen fühlt sich so gut an, dass es einiger Überwindung bedarf, um das Rennrad startklar zu machen.
Doch um 14 Uhr geht es in Vence los, jedenfalls für den ersten Teil der Gruppe. Die Anreise wurde durch den Staatsbesuch von Chinas Staatsoberhaupt Xi Jinping in Nizza erschwert und führte zu massiven Behinderungen auf den teilweise gesperrten Autobahnen.
Xi Jinping wird uns noch einen Gefallen erweisen, doch dazu später mehr.
Ein Guide wartet auf die Späteintreffer, so dass alle die Runde durch die Gorges du Loup, den tollen Anstieg nach Cipières und zum Abschluss über den Col de Vence fahren können. Für einige Beine der erste Kontakt mit dem Rennrad nach der Winterpause, so dass die Runde ein recht anspruchsvoller Weckruf wird.

Estéron, 116km, 1700Hm

Start und beste Laune um 10 Uhr am Marktplatz in Vence. Die Sonne scheint, was wir hier zu finden gehofft hatten, liegt auf dem Präsentierteller. Also holen wir die Ernte ein. Die 25 Einfahrkilometern über Carros zur Einmündung des Estéron in den Var bringen immer wieder breitestes Grinsen auf die Gesichter eines passionierten Rennradfahrers. Welliges Gelände, am Sonntag viel mehr Rennradfahrer als Autos, Blick auf das Meer und zum Schluss eine herrliche Abfahrt. Am folgenden Anstieg nach Bonson starten die ersten Scharmützel. Danach geht es landschaftlich traumhaft über längere Strecke ins Estéron Tal rein. Die Strasse ist top, steigt mal leicht an, dann folgen wieder Zwischenabfahrten, kaum ein Auto zu sehen. Und wie es so geht, übermannt die Rennradfreude den Guide und das strahlt in die Beine ab. Das Tempo steigt, wie eine Perlenschnur kurvt die Gruppe ins Tal. Naja, das ist open training. Unser Cycling Adventures Trainingslager. Da heisst es auch für die Guides, dass sie ihr Tempo fahren können, niemand wird gezwungen, dran zu bleiben. Später wird gemunkelt, dass dies die härtesten Kilometer der Woche waren und eine gewisse zerstörerische Wirkung auf die noch kilometerarmen Beine hatten. So kommt die Kaffepause an der Sonne in Roqestéron gerade richtig. Einem der wenigen Orte im Hinterland, wo man etwas Verpflegung kriegt.
Auf der anderen Seite des Estéron geht es bei grandiosen Ausblicken auf das Tal Richtung Col de Vence, dessen Anstieg sich lange und zäh hinzieht. So zahlen einige Tribut für die Bolzerei der ersten Tourenhälfte. Egal, zum Schluss geht es wieder den Col de Vence runter und die Nachricht an die Beine ist angekommen: der Frühling hat begonnen, jetzt gibt es Kurbelarbeit.

Grande Corniche, 125km, 2000Hm

Natürlich, der Col de la Madone. Die meisten kennen ihn und man kann tolle Geschichten über ihn lesen, über die Zeiten, welche die Profis, allen voran Lance Armstrong, an dem Pass von Menton aus gefahren sind. Das Problem: wir sind ungedopt, keine Profis, spüren die Beine vom Vortag und der Col de la Madone liegt einfach nicht vor der Haustür. Wir sind ihn schon oft gefahren, daher wissen wir auch, dass es eine harte Runde ist. Und heute reichen die Beine nicht dazu.
Aber es gibt eine abgekürzte Variante, die nicht minder schön ist und den einzigen Makel hat, dass man eben den Col de la Madone nicht gefahren ist. Die Runde funktioniert nur (mindestens bei der Tourenlänge, welche man im Frühling fahren kann, wenn man einmal durch Nizza fährt. Das ist aber nicht schlimm, denn es gibt einen Radweg der Küste und der Promenade des Anglais entlang. Man muss hier das Tempo etwas drosseln, weil sich viele Touristen und Sportler tummeln, es gibt aber auch viel zu sehen. Die Strecke ist insbesondere am Ende der Bucht wirklich schön und hat den Vorteil, dass man nach dem Aussichtspunkt #ilovenice zum Hafenbecken kommt und dort einen Kaffestop im Café du Cycliste einlegen kann. Ein Update über die Rennrad Modetrends der bevorstehenden Saison gibt es inklusive.
Auf dem Weg dorthin kriegen wir das Geschenk von Xi Jinping. Er residiert in einem der Luxushotels am Meer und wird kurz nach uns das Hotel verlassen. Daher ist der gesamte Küstenabschnitt für den Verkehr gesperrt. Irgendwann kapieren wir das und wechseln von dem quirligen Radweg auf die autofreie, dreispurige Strasse. Das Tempo kann angezogen werden, in geschlossenem Pulk fahren wir vor dem Hotel Negresco vorbei und fühlen uns, als wären wir bei der Zieleinfahrt der Tour de France auf der für uns gesperrten Strasse.
Nach dem Koffeinschub im Café du Cycliste geht es nach ein paar Ampelstopps in die Steigung zur Grande Corniche hoch. Gerade der erste Abschnitt gehört wohl zum Steilsten, was wir die gesamte Woche fahren werden. Dafür liegt die Stadt schon bald unter uns und wir blicken auf unsere Homebase am gegenüberliegenden Ufer des Var.
Den schönsten Blick auf die Küste der Côte d‘Azur hat man von der Grande Corniche, weshalb ihr auch ein eigener Blogbeitrag gewidmet ist. Um den Ausblick aus der Höhe geniessen zu können, ist natürlich eine recht anspruchsvolle Kletterpartie nötig. Die Panoramastrecke geht bis «La Turbie», hier muss man sich entscheiden. Wieder runter auf Meereshöhe nach Menton und dann hoch zum Col de la Madone oder ab ins Hinterland. Neben den Beinen spricht ein weiterer Faktor für den direkten Weg. Zwischen Nizza und der Grenze zu Italien hat man bedingt durch Steigwinde sehr häufig die Situation, dass bereits ab 300 Metern Nebel herrscht und man von der schönen Küste genau gar nichts sieht. Bereits auf der Grande Corniche gab es einige Nebelschwaden, das Risiko, dass der Col de la Madone wieder mal im Nebel liegt, ist ziemlich gross.
Die Strecke ins Hinterland ist toll, leicht ansteigend vollzieht sich ein Landschaftswechsel vom Blick auf das tiefblau Meer zu einer schroffen Felslandschaft. Ab Peille geht es in unzähligen engen Kurven bergab.
Es wartet die schöne, aber anspruchsvolle Rückfahrt durch die Collines Niçoises mit drei Anstiegen und insgesamt 1000 Höhenmetern. Und die Erkenntnis, dass die Entscheidung richtig war, den Col de la Madone wegzulassen. Vor allem weil wir im Aufstieg nach «le Col» sehen, wie eine dicke Nebelwand über den Madone wabbert.

Ruhetag, 68km, 1400Hm

Zweieinhalb Touren sind in den winterlahmen Beinen. Touren, die uns viel Rennrad Spass und damit einhergehend auch die ein oder andere sportliche Unvernunft gebracht haben. So soll es sein, das ist die Essenz eines Trainingslagers in der Gruppe, in diesem tollen Gebiet und das bringt die Impulse und den erwünschten Trainingseffekt.
Genau so wichtig ist ein Ruhetag im Verlauf einer Trainingswoche. Ansonsten baut man so stark ab, dass die Touren zum Schluss nur noch ein Kampf sind und man völlig ausgezehrt nach Hause kommen. Ruhetag bedeutet nicht für alle dasselbe. Einige machen einen Ausflug nach Nizza (siehe dazu den Blogbeitrag zur Free Walking Tour in Nizza), anderen geniessen eine Ruhetag in der Villa und am Pool mit einem Abstecher nach Vence um noch ein paar Sachen mit nach Hause zu bringen. Und ein Teil will auch am Ruhetag eine Runde fahren. Dabei machen wir üblicherweise keine Gruppeneinteilung sondern fahren alle gemeinsam in gemütlichem Tempo. Das sind immer sehr schöne Touren, man hat Zeit zu schwatzen und fährt auch mal mit den Leuten, die sonst in der anderen Gruppe unterwegs sind.
Wir knöpfen uns zu Beginn den Col de Vence vor. Nicht alle fahren Ruhetagstempo. Denn am vergangenen Sonntag gab es hier eine Hobbyveranstaltung. Ein Bergzeitfahren von Vence hoch auf den Col. Die dort gefahrenen Zeiten wollen auf die Probe gestellt werden. Aber die Bedingungen sind nicht einfach. Das Wetter hat geändert. Es ist wolkenlos und sonnig, aber es weht ein kühler Wind von Norden, der sich am Col den Vence als strammer Gegenwind entpuppt.
Der ursprüngliche Plan war, nach dem Col de Vence durch die Gorges du Loup zurückzufahren. Wie so oft passiert es, dass ich (aka Guide Lukas), sobald ich auf dem Rennrad sitze, Lust kriege, die Runde etwas zu verlängern und dafür massiv Propaganda mache. So weichen wir vom ursprünglichen Plan ab und klettern aus der Gorges du Loup hoch nach Gourdon. Ein Überzeugungsargument war, dass wir uns noch dieses wunderschöne «Village perché» anschauen und dort einen Kaffee trinken. Gesagt, getan. An einer windgeschützten Ecke geniessen wir Kaffee und Apfelkuchen bei grossartiger Aussicht über die Côte d‘Azur.
Zum Abschluss fahren wir noch durch den Einschnitt der Siagne runter zum Loup, beinahe auf Meereshöhe, und fahren gemütlich zurück zu unseren Villen.

Col St. Roch, 144km, 2300Hm

Neben dem Col de la Madone ist der Col de Turini zweifellos der berühmteste Pass der Region. Aber er liegt auf stattlichen 1600 Metern über Meer. Fahrbar wäre er, denn nur kurz vor uns waren hier die Profis auf der Etappenfahrt Paris – Nizza unterwegs, mit Bergankunft am Col de Turini. Doch der Turini ist auf unseren Frühlingsreisen noch unbezwungen. Und es bleibt auch diese Woche dabei, denn die Runde über den Turini wird einfach zu lang und zu hart für unsere Beine. Wir wählen stattdessen den benachbarten Col St. Roch, der einige Hundert Höhenmeter tiefer liegt und in meinen Augen landschaftlich noch schöner ist. Das Wetter lässt keine Wünsche offen, wir starten zur Königsetappe.
Seinen Ausgangspunkt nimmt der Col St. Roch in Lantosque. Der Weg hierhin führt entweder durch die enge Schlucht der Vésubie oder oben lang über den Saut des Français. Der Weg über der Schlucht ist spektakulär, es sind aber auch 400 extra Höhemeter. Um die Etappe nicht zusätzlich zu erschweren, fahren wir durch die Schlucht und holen den tollen Abschnitt über Duranus am Freitag nach.
Da es nach Lantosque für einige Zeit in absolute Abgeschiedenheit geht, nutzen wir die Infrastruktur in Lantosque für eine Kaffeepause. Eine Bäckerei stellt sich als verlockender Kalorienspender aus und man kann herrlich an der Sonne sitzen. Dieses Lokal positioniert sich gleich ziemlich weit vorne im Bäckereien Ranking.
Nach ausgiebiger Pause nehmen wir den Col St. Roch in Angriff, der aus beiden Seiten schlichtweg grandios ist. Auf der Seite, die wir hoch kurbeln, fährt man durch ein einsames Tal in einer gewaltigen Bergwelt mit Blick auf die verschneiten Seealpen, dass man das Gefühl hat, irgendwo zu sein aber sicher nicht 40 Kilometer von Nizza und der Côte d’Azur entfernt.
Auf unserer Abfahrtsseite wurde die Strasse so spektakulär in den Berg gebaut, dass wir nicht von einer Abfahrt sprechen dürfen, sondern einem Stop and Go mit unzähligen Fotostopps. Im unteren Bereich der Abfahrt geht es dann etwas flüssiger und vor lauter Abfahrtsspass verpeilt der Guide (also ich) mit seiner Spitzengruppe die richtige Strasse in einem Dorf, so dass wir plötzlich nicht mehr so spitzig sind. Konsequenz ist, dass wir nach der Abfahrt in Contes in zwei unterschiedlichen Bäckereien den nächsten Kaffeestop einlegen und uns für den letzten Abschnitt der Etappe stärken.
Um die Höhenmeter etwas zu mindern fahren wir nicht dieselbe Strecke zurück wie nach der Grande Corniche Etappe und umfahren so den Anstieg nach «Le Col». Der Preis dafür ist, dass wir ein Stück durch die Agglomeration von Nizza fahren müssen. Es ist schon recht heiss und der Verkehr nervt und ganz sicher hätte es noch einen etwas besseren Weg gegeben. Doch auch das ist «open training». Hier probieren wir auch mal neue Strecken aus um immer wieder etwas dazuzulernen. Schlussendlich ist es den auch halb so schlimm und nach dem unumgänglichen Schlussanstieg nach Vence bleibt die Tour als traumhafte Königsetappe in Erinnerung.

Siagne, 115km, 1850Hm

Die gestrige Etappe hat Körner gekostet und diese sind im Frühling noch rar. Man spürt nun jedem Teilnehmer an, dass die Kräfte schwinden. Also beschliessen wir, in Küstennähe zu bleiben. Wir wollen unbedingt durch die Siagne Schlucht fahren. Eines der Highlights im Gürtel zwischen dem Meer und der ersten Bergkette.
Gemütlich fahren wir Richtung Grasse. Es ist herrlich, die Sonne scheint, es ist wieder wärmer geworden, wir sind noch beglückt von der Königsetappe und fahren mit dem Wissen, in der Woche schon mehr Sonne getankt und mehr Training absolviert zu haben, als erwartet. Die Strecke nach Grasse und die Umfahrung des Ortes mit dem Anstieg nach Cabris begeistert immer wieder. Wir sind im Genussmodus. Ziel war eigentlich der kleine Bergort Mons, nach der Siagne Schlucht. Als wir aber durch St.-Cézaire-sur-Siagne fahren und dort die Cafés und eine Bäckerei mit Tischen und Stühlen an der Sonne stehen, ist der Fall klar: Einkehr. Die hat sich gelohnt. Das Croissant ist über alle Zweifel erhaben und der Ort einfach schön.
Wir sind faul. Es wird eine Streckelänge von maximal 100 Kilometern gefordert. Und so ist es uns ganz Recht, dass die Strasse nach Mons gesperrt ist und wir einen direkteren Weg aus der traumhaften Siagne Schlucht nehmen. Ich fahre nach Gefühl, versuche einen einigermassen guten Mix zu machen zwischen Nebenstrassen, gutem Belag und möglichst direkter Rückkehr. Gelingt so mässig, denn der Weg über Grasse nach Hause zieht sich dann doch arg. So enden wir zum Schluss bei 115km, aber das kennen die Teilnehmer ja von mir. Und es ist ja eine Trainingswoche ….

Vésubie, 118km, 1700Hm

Ein Highlight, das wir bei den uns im Ende März zur Verfügung stehenden Streckenlängen nicht auslassen dürfen, ist die Strecke hoch über dem Vésubie Tal. Nach der Überquerung des Var wählen wir den schönsten Anstieg auf das Plateau von Levens, wo diese spektakulär in den Fels gebaute Strasse beginnt. Es ist wieder mal Zeit für viele Fotostopps, aber diese Zeit haben wir.
So gelangen wir erneut ins Vésubietal. Und weil wir in Lantosque vorgestern eine so tolle Bäckerei gefunden haben, beschliessen wir, nochmals nach Lantosque zu fahren. Doch wir fahren über die Côte de Pelasque, welche die Profis vor kurzer Zeit vor der Bergankunft auf dem Col de Turini gefahren sind. Und wieder mal lacht die Sonne ohne Unterbruch und die Strasse, welche am nördlichen Talufer hochzieht, ist einsam und verkehrsarm. Die Abfahrt bringt uns direkt nach Lantosque, natürlich in die Bäckerei.
Wie immer am Nachmittag zieht ein strammer Wind die Täler hoch und so ist die Fahrt runter ins Vartal anstrengender, als das Höhenprofil erwarten lässt. Ein letztes Mal klettern wir hoch nach Vence und gönnen dann den Beinen die Pause, die sie brauchen, um dieses Trainingslager sinnvoll zu gestalten. Dafür muss die Kehle nun noch etwas arbeiten und kühles Bier auf dem Marktplatz von Vence bewältigen.
Am Abend gehen wir noch gemeinsam in Vence essen und beschliessen diese gelungene Trainingswoche mit einer recht frühen Bettruhe, denn die vielen Kilometer haben die gewünschten Spuren hinterlassen.