Schmale Passstrasse mit Tunnel

Mythos Col de la Madone

Es gibt viele Pässe im Hinterland von Nizza, teilweise inflationär viele. Wie wir es von Frankreich kennen und lieben, füllt sich das Palmarès auf wundersame Weise mit Passnamen, die man noch nie gehört hat und sofort wieder vergisst. In dieser Flut an Pässen hat es neben dem Col de Turini vor allem der Col de la Madone zu Bekanntheit gebracht, obwohl er lediglich über ein enttäuschend kleines Passschild verfügt.

Madone – da klingt was an

Zäumen wir das Pferd mal von hinten auf. „Madone“, das kennt man doch. Ja klar, das ist die sportliche Linie der Rennräder von Trek. Und ja, der Name kommt vom Col de la Madone. Bei Trek spricht man das Teil übrigens „Madoni“ aus, würde in Frankreich niemand verstehen …

Madone – der Fitnesstest

Trek hat den Namen nicht ohne Grund gewählt. Nizza und Menton, der Ausgangspunkt zum Col de la Madone, waren und sind beliebte Winter- und Frühlingshabitate zahlreicher Rennrad Pros. Den Col de la Madone nutzen sie als Gradmesser ihrer Form. Mit seinen 12 Kilometern und durchschnittlich 7% ziemlich regelmässiger Steigung eignet er sich hervorragend für ein All Out. Der berühmteste Exponent, der den Col de la Madone als Formtest genutzt hat, ist sicher Lance Armstrong. Zu US Postal Zeiten (womit sich der Kreis zu Trek wieder schliesst) ist er den Col de la Madone angeblich mit der für ihn typischen Besessenheit hochgefahren.
Er war und ist aber beileibe nicht der einzige, der am Col de la Madone unterwegs war. Er ist diesen Anstieg aber sehr oft gefahren und die Auffahrt ist daher auch Teil des sehenswerten Spielfilms über seine Person. Doch bereits Toni Rominger hat die Côte d’Azur als Winter Trainingsrevier genutzt und dabei den Col de la Madone regelmässig auf Zeit gefahren.

Madone – der Gradmesser

So ist denn auch naheliegend, dass die Teilnehmer unserer Reisen diesen legendären Pass fahren wollen. Das ist auch möglich, doch unser Standort ist nicht Nizza oder Menton, sondern Vence.
Zudem sind wir eine Gruppe Hobbyfahrer, welche die Landschaft geniessen wollen und fahren lieber nicht die stark befahrenen Strassen, was einem Pro im Training egal ist.
So wird die Runde über den Col de la Madone für uns zu einem richtigen Gradmesser, vor allem im Frühling, wenn man sich erst im Formaufbau befindet. Denn zwischen unserem Startort Vence und dem Col de la Madone liegt mit Nizza nicht weniger als eine Grossstadt. Einmal durch Nizza zu fahren ist OK, der Radweg entlang der Promenade des Anglais ist witzig und gut fahrbar und am Ende der Fahrt durch die Stadt liegt das Cacé du Cycliste am alten Hafenbecken ideal, um den folgenden Anstieg zur Grande Corniche mit etwas Koffein im Blut zu meistern.
Doch zweimal am Tag muss das nicht sein. Also führt der Weg vom Col de la Madone durch die landschaftlich attraktiven Colline Niçoises, ein Olivenbaum bestandenes Hügelland mit einem Geflecht an Strassen hinter Nizza, ideal fürs Training im Frühling.
Aber es läppert sich was zusammen. Knappe 1‘000 Höhenmeter sind nach dem Col de la Madone bis Vence an 3 unterschiedlich langen Anstiegen wegzudrücken.

Madone – die Nebelwand

Dies gesagt wird klar, dass die Runde über den Col de la Madone ab Vence im Frühling eine anspruchsvolle Runde ist, die sich am Folgetag deutlich in den Beinen bemerkbar macht. Dafür will man natürlich auch etwas zu sehen kriegen. Und der obere Teil des Col de la Madone ist wirklich sehenswert.
Jedoch ist der Bereich östlich von Nizza stark den vom Meer kommenden Winden ausgesetzt. Feuchte Meeresluft, die bereits auf 300 Metern über Meer zu Wolken kondensiert. Oft hat man in Nizza noch strahlende Bedingungen, doch bereits auf der Grande Corniche weht ein kühler Wind, der die Nebelschwaden die nahen Berge hochtreibt. So liegt der Col de la Madone im Frühling nicht selten in dichtem Nebel, der sich kurz nach der Passhöhe wieder auflöst.

Col de la Madone – lohnt es sich?

Ja klar. Ein Pass mit so viel Radgeschichte lohnt immer, oder? Alpe d‘Huez fährt man auch nicht hoch wegen dem potthässlichen Retortenort, der einen oben erwartet. Und die Fahrt auf den Col de la Madone ist wirklich schön. Eine schmale, verkehrsarme Strasse, Ausblicke auf Menton und das azurblaue Meer, eine karge Felslandschaft im letzten Abschnitt, eine einsame Passhöhe. Der Col de la Madone ist ein Hingucker, wenn er nebelfrei ist.
Mein persönlicher Favorit ist er nicht. Es gibt in diesem Traumrevier Alternativen wie beispielsweise den Col St. Roch, die den Col de la Madone landschaftlich locker in die Tasche stecken. Aber eben, gefahren sein muss man ihn einfach.

Die grosse Frage …

Sie lautet natürlich, wie lange die Pros, namentlich Lance Armstrong, denn nun für die «All Out» Fahrt auf den Col de Madone hatten. Man vergleicht sich doch gerne mit den Besten. Egal, mit welchen Substanzen deren Leistung getuned wurde.
Man findet dazu einiges im Netz, auf alle Fälle musste die Zeit unter einer halben Stunde liegen, um gut auf dieTour de France vorbereitet zu sein.
Ein direkter Vergleich ist jedoch nicht ganz so einfach, denn aus Menton gibt es einige Varianten um in den Col de la Madone einzufahren. Varianten, auf denen man, vor allem im Alltagsverkehr, einiges an Zeit liegen lassen kann.
Die Variante, die Lance Armstrong wohl gefahren ist, liegt nicht auf unserem Weg und um auf seine Variante zu kommen, nehmen wir nicht noch einen Umweg durch Menton in Kauf. Denn auch so wird relativ schnell deutlich, dass wir als Hobbyfahrer in einer anderen Liga fahren. Glücklicherweise.