Enge Gassen in Grasse

Grasse – aus Rennradfahrers Sicht

Spätestens seit Patricks Süskinds Roman »Das Parfüm« und der Verfilmung aus dem Jahr 2006 gilt Grasse auch in der breiten Öffentlichkeit als die Welthauptstadt des Parfüms. Wie die Kleinstadt nördlich von Cannes zu diesem Ruf kam und was sie uns Rennradfahrern zu bieten hat, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

Lage

Von unserem Startpunkt in Vence erreichen wir Grasse über stets leicht ansteigende oder abfallende Strassen von den Gorges du Loup her. Der ideale Start für eine Tagestour.

 

Grasse liegt an der Route Napoléon, die sich hier in Richtung Grenoble die Berge hochzieht. Der obere, historische Teil der Stadt liegt auf etwa 300 Metern über Meer. Entgegen dem ersten Eindruck – ein beschauliches Städtchen in der Provence – zählt Grasse über 50’000 Einwohner. Der weniger attraktive Teil dehnt sich unterhalb des historischen Kerns auf einem Plateau auf etwa 80 Metern über Meer aus. In diesem Teil dominieren mehrspurigen Autobahnen, die typisch französischen, kolossalen mehrspurigen Kreisel und die Lebensader von Grasse, die Industrie.

 

Für die Planung einer Rennrad Tour ist die Querung dieser Zone denn auch die grösste Herausforderung, aber manchmal unumgänglich. Beispielsweise auf dem Rückweg vom Tanneron Gebirge oder dem Lac de Saint-Cassien. Nach etlichen Versuchen haben wir mittlerweile eine Streckenführung gefunden, die uns einigermassen verkehrsarm nach Vence zurückbringt.

Warum Parfüm Welthauptstadt?

Dass Grasse als die Welthauptstadt des Parfüms gilt, liegt an seinem genauen Gegenteil: an einem Gestank. Im Mittelalter war Grasse bekannt für das Handwerk des Gerbens, also die Verarbeitung von rohen Tierhäuten zu Leder. Weil die aus dem Leder gewonnenen Handschuhe schlecht rochen, kam die Mode auf, diese zu parfümieren. Folglich entstand ein erhöhter Bedarf an Parfümstoffen.

 

Das mediterrane Klima der Côte d’Azur und der Provence begünstigte das Wachstum der dafür notwendigen Blumen, beispielsweise der charakteristischen Lavendelfelder. Und so verlegten sich die Einwohner von Grasse vom Gerberhandwerk auf die Produktion von Duftstoffen.

Blütenfelder statt Wald

Die Blumenplantagen sind mittlerweile aus ökonomischen Gründen verschwunden, und die Blüten werden aus billigeren Anbauländern importiert. Doch nach wie vor werden hier Destillate aus den importierten Blüten erzeugt und in die ganze Welt verschickt.

 

Im März und April, wenn wir in der Côte d’Azur auf unseren Rennrad Touren unterwegs sind, kommen wir glücklicherweise immer noch in den Genuss der Blumenpracht der Region. Wenig schattenspendender Wald, dafür eine betörende Blütenpracht – bei Frühjahrstemperaturen lässt sich das südfranzösische Flair der Côte d’Azur in vollen Zügen geniessen.

Das Parfüm – Film und Realität

Wer den Film »Das Parfüm« gesehen hat, wird sich an die Hinrichtungsszene erinnern. Und sich bei der Besichtigung der Altstadt von Grasse fragen, wo an dieser Hanglage sich wohl ein solch grosser Platz befindet. Auf der Suche nach einer Antwort streift man besser nicht allzu lange durch die steilen Gassen. Ein grosser Teil der in Grasse spielenden Szenen wurde nämlich in Girona gedreht.

Grasse mit dem Rennrad

Grasse stellt uns Rennrad Fahrern einige Hürden in den Weg. Den bereits erwähnten geschäftigen Industriebereich gilt es möglichst verkehrsarm zu durchqueren. Der historische Teil der Stadt ist zwar überschaubar und hübsch anzusehen, aber mit vielen Einbahnen und steilen Hangstrassen kompliziert zu befahren. Ein Verfahrer an der Spitze einer Radgruppe endet rasch in etlichen unvorhergesehenen Höhenmetern.

 

Auf den Touren umfahren wir das verkehrstechnisch wichtige Grasse deshalb lieber und legen den Kaffeestopp im beschaulichen Cabris ein, wenig ausserhalb von Grasse gelegen. Und empfehlen den Reiseteilnehmern, die Parfumstadt an einem Ruhetag zu Fuss zu erkunden.